Dr. Christoph Bördlein

Diplom-Psychologe, Diplom-Germanist

Die NLP-Seite:

Auf dieser Seite befindet sich mein "Essay" zum Thema NLP sowie weitere Informationsquellen zum Thema.

Einleitung
Essay
Rezension Studie
Literatur
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Als ich begann, im Inter- und Usenet zu lesen und auch selbst zu schreiben, stieß ich immer wieder auf vollmundige Aussagen von Menschen, die vom Neurolinguistischen Programmieren (NLP) begeistert waren. Mein Eindruck vom NLP zu diesem Zeitpunkt war, dass es sich um ein unabgesichertes Verfahren handelt, das mit dem, was die Psychologie und andere Wissenschaften lehren, nur schwer zu vereinbaren war. Da ich den vollmundigen Aussagen der "NLPler" ebenso vollmundig widersprach, sah ich mich bald mit der Notwendigkeit konfrontiert, meine Meinung bezüglich NLP zu begründen und begann nach Belegen für die Grundlagen des NLP und nach Wirksamkeitsnachweisen des Verfahrens zu suchen. Meine NLP-begeisterten Diskussionspartner konfrontierte ich mit den Ergebnissen meiner Recherchen. Da es aber immer neue "Jünger" gab, mit denen ich mich auseinandersetzte, musste ich die selben Argumente wieder und wieder anführen. Schließlich beschloss ich, das Wesentliche, was ich zum NLP zu sagen hatte, auf einer Seite abzulegen - was so manche Diskussion seitdem verkürzt hat. Meine kritische Auseinandersetzung mit dem NLP hat mittlerweile auch zu einem Artikel im "Schulheft " und einem weiteren im "Skeptiker " geführt.



Das "Neurolinguistische Programmieren" (NLP) - Hochwirksame Techniken oder haltlose Behauptungen?
Ein Essay
Aus dem Kursbuch der Städtischen Volkshochschule Bamberg, Frühjahr 2000, Bereich "Lebens- und Erziehungsfragen" :
"2108 Einführung in das NLP / Wochenendkurs
NLP als bewährtes Modell erfolgreicher Kommunikation hat seinen festen Platz im Alltag, wenn es um Erfolg, Gesundheit, Kreativität, Lernen und Lehren sowie Teamarbeit, Ziele und Visionen geht. .... Anwendungsbereiche sind Begegnungen mit Menschen, Deutung von Körpersprache und Signalen, Aktivierung von Energien und vieles mehr.
2109 Beauty Mind - Schönsein von innen mit NLP
Schönsein ist keine zufällige Randerscheinung unserer Persönlichkeit, sondern steht in sehr enger Verbindung mit den Vorgängen unseres Gehirns. .... Anhand  von praktischen Übungen wird erfahrbar, wie dieses Mentaltraining die körperliche Schönheit von innen her positiv verändern kann. ....
2111 Gemeinsam wachsen - NLP in der Kindererziehung . ....
Eltern lernen Möglichkeiten kennen, wie sie NLP in ihrem Alltag nutzen können..... Erwachsene können vorbeugend wirken, damit sich bestimmte negative Verhaltensweisen bei Kindern gar nicht erst einprägen. ....
2112 Alltags-Stress und Konflikte positiv verarbeiten mit NLP. ...."
Was ist NLP? Fragt man einen vom NLP Überzeugten, so erhält man meist Antworten wie "NLP vermittelt hochwirksame Kommunikationstechniken", "NLP ist ein bedeutsames Konzept für Kommunikation und Veränderung", "NLP ist exzellente Kommunikation" und andere Sätze, die einen Superlativ enthalten. Ich weiß nicht, ob es den "NLPlern" klar ist, daß das keine Definition, sondern Werbung ist.

Der Ursprung des Neurolinguistischen Programmierens liegt in den siebziger Jahren, als Richard Bandler und John Grinder das Buch "The structure of magic" veröffentlichten. Bandler und Grinder wollten herausfinden, was das Außergewöhnliche im sprachlichen Verhalten besonders erfolgreicher Therapeuten (wie z.B. Erickson, Satir und Perls) ist. Dabei stellen sie einige Prinzipien erfolgreicher Kommunikation auf, die wohl die Grundlage des NLP darstellen dürften (vgl. http://www.nlp.at/was/fd1.htm ).

Diese Prinzipien (z.B. "Rapport herstellen", d.h. sich in Körperhaltung, Stimmlage und Wortwahl an den anderen angleichen) klingen zunächst einmal nicht unvernünftig. Meine Kritik am NLP setzt  beim krassen Mißverhältnis zwischen Selbsteinschätzung durch "NLPler" und der tatsächlichen theoretischen Fundierung und (wissenschaftlich belegten) Leistung des Verfahrens an.

Die theoretische Fundierung der NLP-Techniken ist ausgesprochen dürftig. Genauer betrachtet ist eigentlich keine explizite Theorie erkennbar. Was den theoretischen Hintergrund angeht, handelt es sich meiner Meinung nach beim NLP um eine Mischung aus Platitüden ("Geist und Körper sind Teile des gleichen kybernetischen Systems und beeinflussen sich wechselseitig." - http://www.nlp.de/link-001.htm ), kompletten Blödsinn ("Es gibt ein Unterbewußtes, das mehr kann und weiß, als das Bewußtsein. Beide auch das Unbewußte und das Bewußtsein, haben positive Absichten." - http://www.ipcon.de/~darpe/annahmen.htm ) und nur halbverstandenen Bruchstücken aus echten psychologischen Theorien.

Als Beispiel für letzteres diene die NLP-Technik des "Anchoring": Dabei läßt der Therapeut den Klienten sich auf sein Problem konzentrieren und "ankert" es dann, indem er dem Klienten beispielsweise mit der Hand leicht die linke Schulter drückt. Nun soll sich der Klient vorstellen, daß er alle zur Lösung seines Problems nötigen Fähigkeiten besitzt und der Therapeut drückt ihm jetzt beispielsweise die rechte Schulter. Zuletzt drückt der Therapeut beide Schultern des Klienten, wodurch das Problem "integriert" wird.

Das klingt zwar nach Pawlow und klassischem Konditionieren, jedoch nur auf den ersten Blick. - Tatsächlich gibt es keinen Lernmechanismus, der so funktionieren könnte. Allenfalls hat ein solches Vorgehen symbolischen Wert.

Schon die NLP-Begründer selbst waren nicht sehr explizit. Die immer wieder behauptete empirische Fundierung ist nirgends dokumentiert. Es fällt auf "daß weder ein praktischer Forschungsprozeß noch Ergebnisdaten von Bandler und Grinders Arbeiten dokumentiert werden. Bis heute kann der Leser nirgends eine entsprechende Quellenangabe finden!" (Möller, 1995, S. 32). Ob die angebliche penible Beobachtung therapeutischer "Hexenmeister", die ja dem Mythos zufolge den Ursprung des NLP darstellt, überhaupt stattfand, ist also nirgends belegt: "In jedem Fall aber haben sie (...) höchst prominente Leute [die erwähnten Therapeuten; CB] für das Schreiben ihres Vorwortes gewonnen..." (ebd.). Ebenso haben "alle folgenden Autoren und ´Autoritäten` (...) ebenfalls keine wissenschaftlich-empirischen Studien veröffentlicht" (a.a.O., S. 32-33), NLP-Autoren der zweiten Generation finden es i.d.R. nicht einmal nötig, ihre Quellen zu nennen. Das wissenschaftliche Gewand (welches u.a. in der exzessiven Verwendung der Terminologie der Transformationsgrammatik bzw. formaler Sprachen besteht), das Bandler und Grinder dem NLP gaben, war eben doch nur eines von des Kaisers neuen Kleidern.

Auch spätere Grundlagenforschung zu NLP wirft ein bezeichnendes Licht auf die magere theoretische Basis. Z.B. kann die "Augenbewegungshypothese" des NLP als widerlegt gelten (vgl. Bliemeister, 1988). Nach Auffassung des NLP lassen sich aus der Richtung, in die eine Person beim Denken blickt, Rückschlüsse auf ihren Denkstil (oder das von ihr benutzte "Repräsentationssystem") ziehen Jedoch ließ sich kein wie auch immer gearteter Zusammenhang im Sinne der NLP-Hypothesen nachweisen. Trotzdem arbeiten NLP-Therapeuten weiterhin in der Illusion, sie können aus der Richtung, in die ein Klient blicke, quasi ablesen, wie dieser gerade denke.

"NLPler" erwidern darauf (schlechte theoretische Basis) i.d.R., daß es funktioniere, sogar viel besser als alles andere. Immer wieder wird die Funktionalität des Verfahrens hervorgehoben:

"Dazu kommt, daß mit NLP-Techniken gewisse Dinge (z.B. Phobien) in viel kürzerer
Zeit viel effizienter behandelbar sind, als mit ´klassischen` Ansätzen."
(<6p41u5$64d$1@penthesilea.Materna.DE>)

Stimmt das? Nun, bislang hat das keiner im Rahmen einer Evaluation zeigen können. Für den Bereich der Therapien maßgeblich ist die Metastudie von Grawe et al. Dort heißt es bezüglich NLP:

"Für folgende Therapieformen fehlt bisher jede stichhaltige Wirksamkeitsuntersuchung und damit das Minimalkriterium dafür, daß man von einer wissenschaftliche fundierten Therapieform sprechen kann: - Aktualisierungstherapie, Aqua-Energetik ..., Neurolinguistisches Programmieren, ... Transzendenztherapie, Z-Prozeß-Beziehungstherapie.
Der Leser mag dieser Liste noch einige mehr oder weniger exotische Namen hinzufügen"
(Grawe, Donati & Bernauer, 1994, S. 753).

Auch konnte mir bislang kein "NLPler" eine Studie nennen (die Grawe et al. evtl. übersehen hätten). Selbst die - der überkritischen Auswahl eher unverdächtige - Datenbank der deutschen NLP-Seite ( http://www.nlp.de/research/index.html ) führt praktisch nur zwei Arten von Studien auf: Solche, die für NLP-Techniken negative Ergebnisse erbrachten und solche, die z.T. erhebliche methodische Mängel aufweisen. Eine der vielversprechendsten Studien (Genser-Medlitsch, 1996) erweist sich erst bei genauerer Betrachtung als ausgesprochen fehlerhaft (vgl. unten ).

Dieser Mangel an Forschungsberichten stimmt nachdenklich, insbesondere da NLP-Anbietern marktwirtschaftliches Denken i.d.R. nicht fremd ist und eine gelungene Evaluation des Verfahrens eigentlich gut als Werbung eingesetzt werden könnte. Zu vermuten steht: Gäbe es einen überzeugenden Wirksamkeitsnachweis für NLP, wir alle hätten es längst erfahren...

Dennoch berichten NLP-Adepten oft davon, wie hilfreich NLP für sie sei und wie sie es selbst tagtäglich als wirksam erlebten. Neben dem bekannten "confirmation bias" - der (allzu-)menschlichen Tendenz, einmal getroffene Annahmen fortlaufend zu bestätigen (Bördlein, 2000) - und einem nicht zu vernachlässigenden Selektionsfehler (enttäuschte NLP-Kunden werden keine Werber für das Verfahren) basiert diese wahrgenommene "Wirkung" von NLP-Trainings vermutlich auf einer Art Placebo-Effekt. Wenn man beispielsweise versucht, das Rauchen aufzugeben und einem ein NLP-Trainer verspricht, nach nur einer Behandlungsstunde bei ihm könne man das auch -und der NLP-Trainer so überzeugt-überzeugend auftritt, wie das NLP-Trainer für gewöhnlich tun-, dann ist das schon eine starke Suggestion (zumindest eine stärkere als wenn er -ehrlicherweise- sagen würde, daß das ziemlich schwierig werden könnte), die bewirken kann, daß man wirklich -zumindest für eine Weile- mit dem Rauchen aufhört.

Hinzu kommt, daß einiges, was von "NLPlern" NLP genannt wird, eigentlich Verhaltenstherapie ist - und deshalb auch funktioniert. Vermutlich dürften sich aber die meisten Anwender von NLP dessen gar nicht bewußt sein, wie folgendes Beispiel belegt. Ein Vorstandsmitglied der "Deutschen Gesellschaft für Neuro-Linguistische Psychotherapie e.V." berichtete mir einmal in einer Diskussion folgendes:

"Wie einer meiner Nachbarn es immer machte, der als Pferdezüchter seine Pferdchen von der Weide in den Stall holte: er tat etwas Korn in einen sog. Futtereimer, um dann lautstark damit zu rascheln. Klar: die Pferdchen konnten gar nicht schnell genug kommen... schon waren sie im Stall. Andere Pferdebauern würden stattdessen mit Peitsche, lauten Rufen etc. die Tiere von der Koppel treiben ... um dann kurz vor der Stalltür die Pferde ggf. wieder ausbrechen zu erleben. Wenn ich meinem ex-Nachbarn nun erklären würde, dass er NLP anwende, um seine Aufgaben zu erledigen: er würde sicherlich staunen oder gar sagen: "dass konnt' mein Vadder schon ....." Na klar!!"

Was mein damaliger Diskussionspartner - übrigens ein Diplompsychologe - hier beschreibt, ist allerdings kein "NLP" sondern operantes Konditionieren, wie jeder Psychologiestudent im ersten Semester lernt, bzw. lernen sollte. Die Mechanismen des operanten Konditionierens werden seit über sechzig Jahren erforscht und sie bilden die wesentliche Grundlage der Verhaltenstherapie. Derartige "Bildungslücken" sind nach meiner Einschätzung im NLP-Umfeld gang und gäbe.

Sicher: Es gibt auch seriöse und lautere NLP-Trainer bzw. -Therapeuten. Jedoch kann man mit diesem Argument jede noch so abwegige Therapie verteidigen, denn seriöse und aufrichtig bemühte Vertreter wird man bei fast jedem Verfahren finden (solange es nicht sektenartig hermetisch organisiert ist). Aber auch seriös auftretende NLP-Trainer und -Therapeuten verwenden dieselben zweifelhaften Techniken wie ihre marktschreierischen Kollegen und auch sie können nichts daran ändern, daß die Grundlagen ihres Arbeitens - zum Teil - falsch sind.

Das "Besondere" am NLP ist wohl die Selbstüberschätzung auf Seiten vieler Ausbilder und Anwender. Colin Goldner (1997) schreibt von einem "hybride[n] Selbstverständnis der Szene" (251). Und ein sich selbst überschätzender Therapeut ist insofern für den Klienten gefährlich, da er in seinem "Wahn", "heilen" zu können, diesen evtl. von einer notwendigen wirksamen Behandlung abhält. - Das ist freilich ein Problem einzelner Personen, nicht des Verfahrens. Zu fragen bleibt nur, warum gerade "NLPler" diese Hybris entwickeln.

Auffallend ist auch die Nähe des NLP zu esoterischen Kreisen. Viele "Institute" bieten neben NLP auch allerlei esoterischen Schwachfug an. Der NLP-typische Machbarkeitswahn ist in anderer Gestalt in vielen New-Age-Therapien zu finden; auch dort kann man alles erreichen, wenn man nur will, sogar seine physische Erscheinung nach Belieben verändern (vgl. den Kurs Beauty Mind - Schönsein von innen mit NLP aus dem Programm der VHS Bamberg - leider habe ich die Dame, die den Kurs anbietet, nie gesehen...). Hier wie dort wird die Verantwortung dem Individuum zugeschoben und implizit oder explizit auch die Verantwortung für das eigene Unglück.

Was ist nun -zusammenfassend- vom NLP zu halten? Rupprecht Weerth, ein Befürworter des NLP, zählt folgende Kritikpunkte auf, ohne daraus jedoch die nötigen Konsequenzen ziehen zu können:
"1. Die NLP-Theorie ist lückenhaft und z.T. wissenschaftlich nicht haltbar;...
2. Die NLP-Techniken sind zum großen Teil anderen Therapie-Methoden entnommen und in der angewendeten Form anfechtbar; die behauptete durchgreifende Wirkung ist nicht genügend belegt...
3. Das NLP-Modell weist Widersprüche auf und beinhaltet Gefahren..." (Weerth 1992, S. 221).

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.



Und es wirkt doch...? - "Beweist" eine "wissenschaftliche" Studie, daß NLP "wirkt"?

Peter Schütz verkündete 1996 in der Zeitschrift NLP aktuell : "Wissenschaftliche Studie beweist: Neuro-Linguistische Psychotherapie (NLPt) wirkt!". Leider findet man die entsprechende Studie von Martina Genser-Medlitsch bislang (März 2001) nirgends in den einschlägigen Datenbanken dokumentiert, auch eine Nachfrage bei Herrn Schütz - anläßlich seiner Ankündigung im Usenet, eine ähnliche, breiter angelegte Studie durchführen zu wollen - erbrachte nur einen Hinweis auf die Homepage des " Österreichischen Trainingszentrums für NLP " auf dem eine entsprechende "informelle Kurzfassung" (P. Schütz, E-Mail, 26.05.1999) sich dann doch nur als eine beinahe identische Fassung dieses wenig aussagekräftigen Artikels von Herrn Schütz erwies.

Einige Monate später erhielt eine Studentin von mir auf Nachfrage dann doch noch - neben allerlei Werbematerial - ein unveröffentlichtes Manuskript, welches mir nun vorliegt. Hier wird also von jener sensationellen Wirksamkeitsstudie des österreichischen NLP-Verbandes ÖTZ-NLP berichtet. Dieses Manuskript soll im folgenden kritisch referiert werden.

Martina Genser-Medlitsch (1996) erwähnt in der Einleitung zunächst einige Grundprinzipien des NLP, sowie, daß sich die Gründer des NLP u.a auf Wilhelm Wundt und einige andere großen Psychologen berufen, die sich z.T. nicht mehr dagegen wehren können.

Die Studie beinhaltet ein prospektiv-kontrolliertes Design mit drei Meßzeitpunkten: Die Teilnehmer wurden vor Beginn der Therapie (prä), nach der letzten Sitzung (post) und 6 Monate später (follow-up) untersucht. Zudem erwähnt die Autorin einen retrospektiven Untersuchungsplan mit zwei Meßzeitpunkten (post und follow-up).

Die Versuchspersonen waren "natürliche" Klienten, die von selbst oder vom Arzt überwiesen zum NLP-Therapeuten kamen. Die Therapiegruppe wurde von NLP-Therapeuten behandelt, die entweder ihre Ausbildung bereits abgeschlossen hatten oder unmittelbar vor Abschluß der Ausbildung standen. Die Kontrollgruppe erhielt keinerlei Behandlung. "In die Warte-Kontroll-Gruppe der vorliegenden Studie wurden Personen aufgenommen, die sich zu einer Therapie angemeldet und aus verschiedensten Gründen erst frühestens in einem Monat in Betreuung kommen konnten" (S. 2). Was diese "verschiedensten Gründe" waren, erfährt der Leser leider nicht. Die Zuweisung zu Kontroll- und Therapiegruppe erfolgte somit nicht zufällig.

Die Stichprobe war in sich inhomogen bezüglich der Problem- und Störungsbilder, ebenso variierte die Frequenz und Dauer der Therapie, ebenso wurde kein standardisiertes Therapie-Manual verwendet. Dies, so Genser-Medlitsch (1996), bewirke "eine höhere Praxisrelevanz" (S. 3). Die Wartezeiten der Kontrollgruppe waren demnach vermutlich ebenfalls unterschiedlich, genaue Angaben fehlen. Die Kontroll- und Therapiebedingungen sind also auch nicht parallelisiert.

An Meßinstrumenten wurden zahlreiche Fragbögen, die die Versuchspersonen selbst auszufüllen hatten, eingesetzt, so die individuelle Beeinträchtigungsliste (IBL) von Tausch und Tausch (1981), den Fragebogen zur Kontrollüberzeugung (IPC) von Krampen (1980), das Self-Report-Inventory, Revised (SCL-90-R) von Derogatis (1986) und andere. Die Therapeuten sollten vor der Therapie u.a. die Symptome beschreiben und die Ziele der Therapie formulieren. Nach der Therapie sollten die Therapeuten u.a. die Dauer und Frequenz der Therapie und der geschätzte Anteil an NLP-Methoden in der Therapie angeben, sowie einschätzen, inwieweit die Ziele erreicht wurden. Über objektive Messungen durch Dritte, die wenigstens ansatzweise verblindet wären, wird nicht berichtet.

In der retrospektiven Studie wurden Versuchspersonen aus einer bereits laufenden Behandlung unmittelbar nach Abschluß der Therapie und noch einmal sechs Monate danach mit einigen der o.g. Meßinstrumente befragt.

Die Ergebnisse der prospektiv-kontrollierten Studie werden dargestellt. Zunächst fällt auf, daß die Drop-Out-Rate in der Therapiegruppe leicht höher ist (26,67%) als die in der Kontrollgruppe (23,08%). Die Autorin stellt fest: "Es darf angenommen werden, daß die fehlenden Werte nicht aufgrund systematischer Einflüsse zustande kamen" (S. 8), begründet aber nicht, wie sie zu dieser Annahme kommt und welche Maßnahmen ergriffen wurden, um diese Annahme zu prüfen (z.B. über einen Vergleich der Stichprobenparametern der Drop-Out-Versuchspersonen und der verbleibenden Versuchspersonen).

In Alter, Geschlecht und Familienstand ergaben sich keine signifikanten Unterschiede. Bezüglich der Schul- und Berufsausbildung ist die Formulierung uneindeutig: "Bezüglich der einzelnen Kategorien verteilten sich die Kontroll- und Therapiegruppenpersonen annähernd gleich" (S. 8). Genauere Informationen wären hier interessant, da eine bessere Bildung bekanntlich den Therapieerfolg (egal bei welcher Therapie) erhöhen, bzw. erst ermöglichen kann. Aufschlußreich ist der berichtete Unterschied bezüglich der Einnahme von Medikamenten: "In der Kontrollgruppe nahmen mehr Klient/inn/en keine Medikamente (86,7% der KG) verglichen mit der Therapiegruppe (61,8%) und wenn, dann keine Psychopharmaka (0%)" (S.9). Zunächst einmal ist die etwas umständliche negative Formulierung auffällig: Es wird angegeben, wieviel  Prozent keine Medikamente einnahmen; im zweiten Teil des Satzes wird dieses Darstellungsprinzip jedoch wieder umgekehrt und nun wird angeben, wie viele der Versuchspersonen der Kontrollgruppe Psychopharmaka nahmen (0%). Eine interessante Angabe, die aber leider nicht berichtet wird, wäre der Anteil der Versuchspersonen in der Therapiegruppe, der Psychopharmaka nahm. Psychopharmaka haben oft einen dramatisch positiven Einfluß auf das subjektive Wohlbefinden der Konsumenten.

Der überwiegende Teil der Versuchspersonen der Therapiegruppe gab unmittelbar nach der Therapie an, sich besser bzw. bedeutend besser als vor der Therapie zu fühlen. Dies hielt im wesentlichen auch bis sechs Monate nach der Therapie an. In der Warte-Kontrollgruppe fühlte sich fast die Hälfte der Versuchspersonen nach der Wartezeit (von mindestens einem Monat, wie ich es verstehe; über die durchschnittliche Dauer der Wartezeit werden keine Angaben gemacht) unverändert, gut 36% fühlten sich besser oder bedeutend besser. Eine Follow-Up-Messung gab es bei der Kontrollgruppe aufgrund des Untersuchungsdesigns nicht.

Im einzelnen gab es bei 25 von 33 Skalen "signifikante Unterschiede zwischen der Therapie- und Kontrollgruppe hinsichtlich der Veränderung der psychologischen Merkmale von Untersuchungszeitpunkt 1 zu Zeitpunkt 2" (S.12). Die meisten dieser Veränderungen werden als in Übereinstimmung mit den Therapiezielen befindlich interpretiert, allein eine Zunahme der "Bagatellisierung", der "Ersatzbefriedigung" und der "Selbstbeschuldigung" (alles Skalen des Streßverarbeitungsfragebogens, SVS, von Janke, 1985) stimmt nachdenklich. Offenbar sowohl in der Kontroll- als auch in der Therapie-Gruppe trat eine Besserung der psychosomatischen Symptome, der sozialen Abkapselung und der Aggression auf (die Formulierung der Autorin ist hier uneindeutig und vermischt Ergebnis und Interpretation).

Die Autorin faßt zusammen: "Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse kann die prinzipielle Wirksamkeit von NLPsychotherapie als nachgewiesen erklärt werden" (S.13).

Dieser letzte Satz ist nicht nur merkwürdig formuliert, er ist auch inhaltlich nicht haltbar. Zu den bereits erwähnten Mängeln dieser Studie (weder Randomisierung der Untersuchungsgruppen, noch Parallelisierung der Untersuchungsbedingungen und andere Punkte mehr), kommt eine weitere Frage: Was ist eigentlich aus der retrospektiven Studie geworden? Über ihre Durchführung wird zwar berichtet, im "Ergebnisteil" (diese Bezeichnung ist eigentlich nicht gerechtfertigt, finden sich doch hier Ergebnisse und Interpretationen in einem) wird nur noch die prospektiv-kontrollierte Studie erwähnt. Werden die Ergebnisse einfach nicht berichtet? Oder, was weitaus bedenklicher wäre: Sind womöglich die Daten der retrospektiven Studie in die der prospektiven eingeflossen?

Eine meiner Studentinnen schrieb zwischenzeitig Frau Genser-Medlitsch einen Brief (23.12.2000), in welchem sie um genauere Informationen bat. Bislang ist der Brief unbeantwortet geblieben.

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Soweit Informationen vorliegen, "beweist" diese Studie nicht, daß NLP(t) "wirkt". Von all den Studien, die von "NLPlern" als Beleg für die Wirksamkeit von NLP genannt werden, ist diese m.E. noch eine der besten. Dennoch enthält sie so viele "Schnitzer", dass sie sich bestens als Anschauungsmaterial für die Methodenlehreausbildung in Psychologie eignet. Doch selbst wenn sie diese "Schnitzer" nicht hätte - sie beinhaltet nur den Vergleich von NLPt mit "Nichtstun" (der Warte-Kontrollgruppe). Und ich weiß nicht, ob diese Überlegenheit von NLPt gegenüber "Einfach Abwarten" zu solch euphorischen Reaktionen wie der von Peter Schütz Anlass gäbe.


Literatur:
Bandler, R. & Grinder, J. (1975/1976). The Structure of Magic . (Bde. 1 und 2). Palo Alto: Science and Behavior Books.
Bliemeister, J. (1988). Empirische Überprüfung zentraler theoretischer Konstrukte des Neurolinguistischen Programmierens (NLP). Zeitschrift für Klinische Psychologie, 17, 21-30.
Bördlein, C. (2000). Die Bestätigungstendenz. Warum wir (subjektiv) immer Recht behalten. Skeptiker, 13, 132-138.
Genser-Medlitsch, M. (1996). Neurolinguistische Psychotherapie (NLPt). Eine Wirksamkeitskontrollstudie. Kurzfassung der Ergebnisse zur prospektiv-kontrollierten Studie mit drei Meßzeitpunkten. Unveröffentlichtes Manuskript, Wien.
Goldner, C. (1997). Psycho. Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie . Augsburg: Pattloch Verlag.
Grawe, K.; Donati, R. & Bernauer, F. (1994). Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe.
Möller, B. (1995). NLP: Ein Erlebnisbericht. Neurolinguistisches Programmieren - seriöse Psychotherapie oder Psychotechnik? EZW-Texte: Impuls Nr. 40. Stuttgart: Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.
Schütz, P. (1996). Wissenschaftliche Studie beweist: Neuro-Linguistische Psychotherapie (NLPt) wirkt! NLP aktuell, 5 (4), 52-53.
Weerth, R. (1992). NLP & Imagination. Grundannahmen, Methoden, Möglichkeiten und Grenzen. Paderborn: Junfermann.
 

Links zu NLP Seiten:

NLP.DE
Die deutsche NLP-Seite mit der erwähnten
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und einer Seite mit Verweisen auf die verschiedenen NLP-Verbände
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Die öffentliche Mailingliste von NLP.DE:
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Web-Site des DVNLP e.V.
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hier werden viele der NLP-spezifischen Ausdrücke erklärt
 

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zuletzt geändert am 30.03.2005